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Freud und Leid einer Berufsanfängerin

Karina N.

In meinem ersten Jahr habe ich unter anderem in einer dreijährigen Fachschule unterrichtet. Dort hatte ich die Abschlussklasse im Freigegenstand Betriebswirtschaftslehre (BWL). Ich ging also frohen Mutes in die Klasse (voll Elan natürlich) und hatte viel Material im Kopf und in meiner Tasche. Ich wollte die Schüler mit Wissen aus BWL überhäufen und freute mich auf die neue Aufgabe.

Wir sind ja nicht freiwillig hier!


Mein Elan wurde gleich nach der Vorstellung gebremst: Die Schüler teilten mir mit, dass ich mir ja nichts von ihnen erwarten soll, da sie ja sowieso nicht freiwillig da sind. Es wäre ihnen nahe gelegt worden, den Freigegenstand zu besuchen. Negative Stimmung füllte den Raum.

Von nun an hatte ich jede Woche ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Jede Doppelstunde (natürlich hatte ich gleich 100 Minuten, nicht nur 50!) verlief ähnlich. Ich hatte viel Stoff vorbereitet und versuchte diesen vorzutragen bzw. gemeinsam mit den Schülern zu erarbeiten. Ein Teil der Klasse hörte auch zu, die anderen machten Hausübung oder spielten Karten. Kommentare wie: „Das ist ja nur ein Freigegenstand!“ und „Was wollen Sie denn, wir sind ja eh da!“ waren an der Tagesordnung. Konflikte ohne Ende.

Ich regte mich am Anfang maßlos darüber auf, versuchte dann kreativ zu sein (stellte mich sogar auf den Tisch, um für Ruhe zu sorgen). Alles half nichts. Ob sich die Schüler unwohl fühlten kann ich nicht sagen, ich jedenfalls fühlte mich schrecklich.

Was kann ich tun?

Also begann ich nachzudenken. Was kann ich tun, damit ich ihnen die Betriebswirtschaft ein bisschen näher bringen kann? Ich diskutierte mit meinem Lebensgefährten und wir kamen zu folgendem Schluss: Ich muss etwas finden, mit dem ich sie fesseln kann, dass sie wirklich interessiert.

Also nahm ich mir vor, in der nächsten Stunde genau auf alle Äußerungen zu achten. Ich hatte wirklich Glück im Unglück. Es gab etwas, das sie sehr beschäftigte und mit BWL enorm viel zu tun hatte: Sie wollten einen Abschlussball veranstalten, aber da es sich um eine „Problemklasse“ handelte fanden sie kaum Unterstützung. Also beschloss ich, ein Projekt gemeinsam mit ihnen zu starten. Bevor ich der Klasse den Vorschlag machte, sprach ich mit dem Direktor, der nach einer kurzen Überzeugungsrede seine Zustimmung gab.

Wir organiseren den Schulball!

In weiterer Folge präsentierte ich den Schülern meinen Vorschlag: „Wir organisieren den Schulball gemeinsam im Rahmen des BWL-Unterrichts.“ Diese Doppelstunde war unsere Projektstartsitzung. Von da an war mein mulmiges Gefühl vor den Stunden vorbei. Die Schüler arbeiteten fleißig und mit Begeisterung am Projekt. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber sie arbeiteten. Wir diskutierten, machten Arbeitsverträge und kalkulierten Preise. Machten Werbung, fanden Sponsoren und bildeten Teams für den Ballabend.

Der Ball war ein großer Erfolg. Jeder Schüler hat sogar Geld dabei verdient und eine Menge gelernt. Alle waren begeistert und freuten sich über den gelungenen Abend.

... und was kommt nach dem Ball?

Der Ball war im Februar. Das Schuljahr geht aber bis Juli. Also was nun? Die weiteren Doppelstunden waren toll. Wir haben in den folgenden 4 Unterrichtseinheiten noch den Ball abgerechnet und reflektiert.

Die nächsten Monate besprachen wir die unterschiedlichen Bereiche der BWL, alle in Form von kleinen Projektarbeiten. Sie haben alle Themen selbst erarbeitet. Eine Gruppe hat zum Thema Produktion sogar einen kleinen Film gedreht. Die Schüler waren einfach toll. Ich war stolz, dass wir es wirklich geschafft hatte.

Doch der Dämpfer ließ nicht lange auf sich warten.

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