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Als Lehramtsanwärterin im zweiten Jahr

J.S. aus E. (Deutschland)


Hinweis:
In Deutschland ist die Lehrerausbildung "zweiphasig" angelegt: Nach einer überwiegend fachlich ausgerichteten, kaum Praktika beinhaltenden ersten Phase an der Universität folgt als zweite Phase das "Referendariat". Während dieser Zeit werden praxisbezogene Seminare besucht, es sind auch noch Prüfungen abzulegen und es soll - mit Unterstützung von "Mentoren" - das Hineinwachsen in den Beruf ermöglicht werden.




Lehramtsanwärterin an einer Schule für Körperbehinderte in Nordrhein-Westfalen


Nach einem anfänglichen großen Kampf mit der Unwissenheit über Unterrichtsplanung und –durchführung (das Studium war in diesem Punkt keine Hilfe), habe ich innerhalb eines halben Jahres deutlich an Sicherheit im Bereich der Unterrichtstätigkeit gewonnen. Am Anfang dieses halben Jahres hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal weniger als eine Woche für die Planung einer Doppelstunde brauchen könnte. Zum Glück habe ich mittlerweile ein bisschen Routine in meiner Unterrichtstätigkeit gewonnen, wenn auch vor allem der Anfang jeder Unterrichtsreihe immer wieder ein neues Abenteuer ist...

Nach einer längeren Hospitationsphase an der Schule zu Beginn des Referendariats habe ich zum Glück einen Mentoren gefunden, der, aufgrund der Tatsache, dass er selbst erst frisch aus dem Referendariat kam, mir eine große Hilfe in der Umsetzung der Ansprüche des Ausbildungsseminars in bezug auf die Unterrichtsplanung und –durchführung war und immer noch ist.


Das Ausbildungsseminar: Theorie und Austausch, aber auch unrealistische Anforderungen

Das Ausbildungsseminar ist in mancherlei Hinsicht sicherlich ein Gewinn – z. B. bei der theoretischen Auseinandersetzung mit Förderschwerpunkten und möglichen Unterrichtsthemen (auch wenn diese meistens nicht auf die eigene Schulform zugeschnitten werden) oder dem Austausch der Lehramtsanwärter/innen untereinander.

In vielerlei Hinsicht ist das Seminar jedoch auch kritisch zu sehen. Es werden in der Regel sehr hohe Anforderungen an die Unterrichtstätigkeit gestellt, die zum Teil nicht mit der alltäglichen Arbeit in den Klassen konform gehen und so bleiben Unterrichtsbesuche häufig sozusagen ‚Highlights‘ in der Unterrichtstätigkeit. Sie erfordern in der Regel eine besondere Organisation (Absprachen mit dem gesamten Klassenteam, Abmelden der Therapien, Vorziehen der Pausenzeiten...) und einen unrealistischen Zeitaufwand in der Planung und Vorbereitung (Medien basteln und organisieren...). Aufgrund der hohen Anforderungen durch das Seminar und der kleinschrittigen schriftlich fixierten Vorbereitung - die häufig im Unterrichtsverlauf wie Zwangsjacken wirken - bleiben nur wenig Spielräume, um auf die aktuellen Bedürfnisse einzelner Schüler einzugehen.

Oftmals habe ich aufgrund dieses unrealistischen Aufwands, der oft mühsamen schriftlichen Aufarbeitung der Unterrichtsbesuchsstunden erhebliche motivationale Defizite durchlebt. Auffallend ist, dass ich in der Regel nach jedem Seminartag (1x wöchentlich) frustriert nach Hause gehe (dies gilt auch für viele andere Lehramtsanwärter/innen). Dies liegt denke ich daran, dass ich im Seminar geballt mit den (unrealistischen) Anforderungen an die Unterrichtstätigkeit im Hinblick auf die Prüfung konfrontiert werde und mich selbst dabei häufig überfordert fühle (auch wenn dies vielleicht in Wirklichkeit nicht so ist, denn nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird...!).


Schulleitung will "Superfrau" als Lehrerin!

Ein mittlerweile (durch die neue OVP) nicht mehr zu unterschätzender mitbestimmender Faktor im Dasein eines Lehramtsanwärters ist die Schulleitung. An meiner Schule ist die Schulleiterin leider nicht wirklich daran interessiert, wie es hinter der Klassentür aussieht und welche Arbeit man dort leistet, sondern einzig und allein daran interessiert, in welchem Rahmen man das Schulleben deutlich mitgestaltet (am besten innoviert) und welche öffentlichkeitswirksamen Leistungen man zeigt. So hatte ich am Anfang meiner Laufbahn als Lehramtsanwärterin das große Problem mit dem Anspruch, am besten sofort zur Superfrau bzw. Superlehrerin zu mutieren, fertigzuwerden, der immer wieder mal deutlicher mal weniger deutlich durchklang.

Es wird uns Lehramtsanwärter/innen auch immer bewusster gemacht, dass wir, die wir an einer Schule arbeiten, aus der Sicht der Schulleitung Konkurrenten sind und wir klar voneinander abzugrenzende Einzelleistungen bringen müssen, um ihr eine Möglichkeit der abschließenden Bewertung zu geben.

Diese Tatsache brachte es sehr schnell mit sich, dass sich das Klima unter uns Lehramtsanwärter/innen an meiner Schule sehr verschlechtert hat und viele nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.


Durststrecke Referendariat: Wann komme ich endlich zu den schönen Seiten des Berufs?


Aufgrund des eigentlich ständigen Prüfungsdrucks (durch Unterrichtsbesuche, nahende Prüfungsstunden, Gespräche im Seminar....) fällt es mir oft sehr schwer, von der Schule und der anstehenden Arbeit abzuschalten und mir die notwendige Freizeit zu gönnen. So kann ich dann oft auch die Freizeit, die ich mir nehme, aufgrund meines schlechten Gewissens, dass ich gerade nichts für die Schule tue, nicht richtig genießen.

Auch wenn es nach diesem Bericht nicht so recht glaubwürdig erscheint, der Beruf der Sonderschullehrerin / des Sonderschullehrers ist ein sehr schöner, wenn er auch anstrengend und häufig stressig ist.

Ich hoffe, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der ich nicht mehr unter dem Druck stehe, zur „Superfrau“ zur mutieren und unrealistische Anforderungen an die Unterrichtstätigkeit zu erfüllen, sondern in der ich nach meinem besten Wissen und Gewissen für das Wohl der Schüler/innen arbeiten kann.

Bis dahin werde ich wohl noch eine längere Durststrecke überstehen müssen und auch die immer wieder nagenden Zweifel, ob das wirklich der Beruf ist, den ich mir für meine Zukunft vorstellen kann.

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